Rede vom 08. Mai 2023 in Köln

Rüdiger Kipke

 Verschriftlichung der Rede vom  08. Mai 2023 in Köln

 Der Zweite Weltkrieg begann am 01. September 1939 mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen.

Wenige Tage zuvor haben das Deutsche Reich und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt geschlossen. Die Vertragsparteien verfolgten dabei sehr unterschiedliche Interessen: Hitler ging es vor allem darum, dass Polen keine militärische oder andere materielle Unterstützung über seine Ostgrenze bekam.

Dagegen war es zentrales Interesse der Moskau Führung, Zeit zu gewinnen für die Verlegung wichtiger Industriebetriebe nach Osten und für die weitere Aufrüstung der Roten Armee. Man machte sich keine Illusionen über die Haltung Berlins zur Sowjetunion und seiner Bevölkerung. Allzu deutlich hatte Hitler vor dem Reichstag und in „Mein Kampf“ seine Absicht offenbart, russischen Boden zu annektieren.[1]

Der Feldzug gegen die Sowjetunion begann am 22. Juni 1941 mit dem Überfall der Wehrmacht auf sowjetisches Gebiet, er war angelegt als Eroberungs- und Rassekrieg. Millionen sowjetischer Soldaten und Zivilisten wurden in diesen Jahren getötet, darüber hinaus sollten nach den Plänen Berlins weitere Millionen verhungern oder „hinter den Ural“ vertrieben werden. Einzelne Gebietsteile Russlands wollten die Nazis annektieren (z.B. die Krim) und dort „rassisch geeignete“ Personen aus Deutschland und aus dem europäischen Ausland ansiedeln. Die Russen waren für die Nazis „Untermenschen“, als menschliche Wesen nicht anerkannt. Diese Einstellung hatte ihre Vorgeschichte, im Kaiserreich gab es bereits eine ausgeprägte Slawenfeindlichkeit.

Als im Laufe des Krieges in einzelnen deutschen Zeitungen Mut und Tapferkeit der Sowjetsoldaten gewürdigt wurden, schritt Propagandaminister Goebbels ein und verbot solche Beiträge. Für ihn war der Kampfeswille des Feindes nur Ausdruck einer „zur Widerstandskraft organisierten primitiven Animalität des Slawentums.“[2]

Der Weltkrieg endete am 08./09. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und aller deutschen Kampfverbände. Für die Menschen in den deutschen Zwangslagern war es der lang ersehnte Tag der Befreiung. Das empfanden auch viele Deutsche so, für andere war es der Tag der Niederlage. In manchen Häusern des deutschen Bürgertums sollte es einige Zeit dauern, ehe die Dialektik von Befreiung und Niederlage Anerkennung fand.

Unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen flohen Tausende aus Deutschland (meistens nach Südamerika), die in die Verbrechen des Nazi-Regimes verstrickt waren. Vor allem Vertreter der katholischen Kirche waren hilfreich bei der Beschaffung gefälschter Papiere, die den Weg ins Ausland frei machten. In Ansehung der empfundenen Bedrohung durch den atheistischen Kommunismus war den kirchlichen Dienststellen der mörderische Nationalsozialismus offenbar das geringere Übel.

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit tat man sich schwer mit dem nationalsozialistischen Erbe. Die Bildungspolitik versagte, die Aufarbeitung der Nazi-Zeit war oberflächlich oder fand gar nicht statt.  Die bundesdeutsche Justiz, die zweifellos noch im Aufbau war, verfolgte Nazi-Verbrechen nicht konsequent. Der „Befehlsnotstand“ war ein geläufiges Rechtsmittel, um sich einer angemessenen Bestrafung zu entziehen. Das sollte sich ändern mit dem Auftreten von Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen und selber Verfolgter des Nazi-Regimes. Er klagte im sog. Ausschwitzprozess in den Jahren 1963 bis 1965 Verantwortliche für Nazi-Verbrechen an und tat das Seine, um sie einer gerechten Strafe zuzuführen.

Nun schien der Bann gebrochen. Ab Mitte der 1960er Jahre entstand im damaligen West-Berlin eine Protestbewegung, die sich auf die ganze Bundesrepublik ausbreitete. Sie richtete sich gegen verkrustete Strukturen an den Universitäten, gegen den Vietnam-Krieg  und nicht zuletzt gegen die mangelhafte Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. Auf Straßen, in Hörsälen und in Familien wurde auch die bohrende Frage gestellt: Was haben unsere Väter gemacht? Nicht selten endeten solche Diskussionen in dauerhafter Sprachlosigkeit.

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[1]           Vgl. Hartmann, Christian u.a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf Eine kritische Edition, Band II, München-Berlin 2016. Z.B. S. 1657, 1687.

[2]           Vgl. Wegner, Bernd: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, Stuttgart 1990, S. 849.