Volksdiplomatie läuft weiter

Auch in Köln gab es große Aufregung zu dem Thema „deutsch-russische
Städtepartnerschaften – weiter erhalten oder nicht?“, weil die
Oberbürgermeisterin Frau Reker sie nur in Absprache mit den Parteien
CDU, Grüne und Volt auf Eis gelegt hat.
In ihrer Rede zum Ostermarsch in Köln vom 16.April geht die Vorsitzende
unseres Vereins näher auf den aktuellen Stand ein.


Köln, 16.4.2022

Liebe Friedensfreundinnen, und -freunde!

Mein Name ist Eva Aras, ich bin Vorsitzende des  Städtepartnerschaftsverein Köln-Wolgograd.

Die deutsch-russischen Städtepartnerschaften und die zugehörigen Vereine sind im Augenblick in einer sehr schwierigen Situation.

Es scheint so, als marschiere ein großer Teil der Politik und der Medien nur in eine Richtung – nach den Worten unserer Außenministerin Annalena Baerbock – „Russland soll ruiniert werden“.

Damit wächst auch der Druck auf die Städtepartnerschaftsvereine.

Wie soll man sich verhalten? Auf wessen Seite stehen?

Nach einer aktuellen Umfrage der NZZ wurden 1/3 der deutsch-russischen existierenden Städtepartnerschaften ausgesetzt, die meisten dieser Städte und Kreise befinden sich in Westdeutschland.

2/3 der Städte und Kreise haben sich entschieden für eine Fortsetzung der Städtepartnerschaft auch in dieser Krisenzeit ausgesprochen, darunter sind z.B. Berlin, Hamburg, Essen, Stuttgart und Dresden.

Keine Städtepartnerschaft wurde beendet.

Der Präsident der deutschen Städtetages, der Münsteraner OB Markus Lewe(CDU!), setzt sich deutlich dafür ein, die Fäden der „Volksdiplomatie“ nicht abreißen zu lassen. Er sagt: „Ich rate dringend davon ab, Städtepartnerschaften zu russischen Städten jetzt zu beenden. Denn hier laufen die Verbindungen von Mensch zu Mensch, eben nicht auf staatlicher Ebene… In diesem Sinne können Städtepartnerschaften Friedenssignale senden und deeskalierend wirken“.

So kommt momentan den 100 dt-russ. Städtepartnerschaften eine wichtige Rolle zu, denn sie sind ein wichtiger Beitrag zur Versöhnung der Menschen; die Bewegung ist im 2. Weltkrieg entstanden und hat damals z.B. sehr viel in der Aufarbeitung der 80 Jahre währenden Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich bewirkt.

Leider hat sich Köln auch dafür ausgesprochen, die Städtepartnerschaft mit Wolgograd auf Eis zu legen. Allerdings räumte Frau OB Reker in einem Gespräch mit unserem Vorstand nach der Entscheidung ein, dass lediglich offizielle Kontakte gemeint seien und sie Kontakte in der Zivilgesellschaft sehr befürworte. Sie war auch bereit, eine gesonderte Hilfslieferung für unser Hilfsprojekt für ehemalige Zwangsarbeiter*innen in Wolgograd sofort zu starten, da es dort große Versorgungsprobleme gibt. Darüber hinaus stellte sie in Aussicht, verschiedene Projekt für die Zeit „danach“ ganz klar zu unterstützen.

Unser Verein erhielt von der Stadtgesellschaft große Sympathiebekundungen – es gab nach Auskunft des KStA körbeweise Leserbriefe, die unseren Standpunkt unterstützten, wir erhielten sofort 6 neue Beitrittserklärungen.

Wie geht es nun den Menschen in Wolgograd mit diesem Krieg?

  • Es gibt ein Interview mit der Vorsitzenden des Komitees der Soldatenmütter, Valentina Melnikova, die berichtet, dass u.a. Wolgograder Mütter versuchen, ihre frisch eingezogenen Söhne nicht in die Kriegsgebiete verschicken zu lassen, doch haben sie schlechte Chancen.
  • Wolgograder*innen berichteten uns, dass sie große Angst vor der Zukunft haben, dass z.B. die Preissteigerungen noch viel stärker als bisher zunehmen werden;
  • der Ukrainekrieg geht bis in die Familien hinein – darüber zerstreiten sich Freunde und Familien; oft bestehen Familien aus russischen und ukrainischen Angehörigen.
  • Oft fliegen morgens und abends Militärflugzeuge über den Häusern Wolgograds zu ihrem Einsatz; Wolgograd ist ca. 200 km von der Ukraine entfernt.
  • In unserem Verein haben ca. 20 Mitglieder Familie bzw. Freunde in Wolgograd und haben regelmäßigen Kontakt miteinander.
  • Mit der Wolgograder Stadtverwaltung sind wir in gutem Kontakt: sie erinnern an die gemeinsamen Aktivitäten, Konferenzen, Feiern und hoffen sehr, dass sich die gegenwärtigen Vorkommnisse nicht negativ auf uns und den Verein auswirken.

Außerdem haben sie uns eingeladen, dass wir uns als Jury bei der Begutachtung von Videos zu den Themen „Ähnlich oder anders: aktuelle sozial-kulturelle Probleme der Jugend in Russland und in Deutschland“ beteiligen.

  • Wir versuchen, alle bestehenden Kontakte mit Wolgograder Bürger*innen zu halten, unser Interesse an ihnen und ihrem Leben zu zeigen.

In Köln beschäftigt uns die Sorge um die wachsende Russophobie: es gab Boykottaufrufe gegen russische Restaurants, Drohungen, Beleidigungen, einen Brandanschlag auf die Lomonossow-Schule in Berlin-Marzahn.

Damit wollen wir uns in Zukunft beschäftigen, sei es durch Kulturveranstaltungen wie Lesungen russischer Literatur oder Kontaktaufnahme mit Sozialarbeitern in Chorweiler und Finkenberg, wo es Konflikte zwischen ukrainischen und russischstämmigen Bewohnern gibt.

Was können wir alle noch tun?

Zum Schluss möchte ich dazu aus einem Artikel in den „Zeit-Fragen“ von Karin Leukefeld zitieren. Sie rät:

„Sieh hin und lass dich nicht in die Irre führen. Hinterfrage die Medienberichte, die uns vermitteln wollen, was in der Ukraine geschieht, was Russland angeblich plant, suche andere Quellen. Sprich mit der Familie, Freunden, Nachbarn und Kollegen darüber, was du über das Geschehen in der Ukraine, aber auch über andere Kriegsschauplätze und Ungerechtigkeiten herausgefunden hast. Weigere dich, Feind zu werden, und halte an der Freundschaft mit Russland und seiner Bevölkerung fest, für die seit Jahrzehnten gearbeitet wurde. Greif ein, wie die Frachtarbeiter am Flughafen in Pisa. Sie fanden heraus, dass in Kisten und Containern, die als humanitäre Fracht für die Ukraine deklariert waren, Waffen transportiert wurden. In Deutschland ist die Lage schwierig, wer sich nicht einreiht, wird denunziert.“

Doch wir sollen nicht aufgeben….